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Was uns bewegt...


Weihnachten agil?

Rund 100 Tage vor Weihnachten beginnt die Einlaufphase für den Einzelhandel und für die WebShops. Je nach Branche werden in wenigen Wochen ca. 20 Prozent des Jahresgeschäfts umgesetzt. Fragen wir uns also, was denn die Zielgruppe so mit Weihnachten verbindet. Und bei dem Versuch, dies zu erfahren, stoßen wir auch heute – wen wundert's – auf uralte (?) Erwartungen.

Wir begehen Rituale, feiern Traditionen, an die wir uns aus unserer Kindheit erinnern. Wir sehnen uns offenbar nach Geborgenheit, nach Verlässlichkeit und Sicherheit. Dabei unterstützen uns vermeintlich alte Bräuche wie Adventskranz, Nikolaus, Weihnachtsmärkte, -baum, -punsch und -gans. Was hat es mit dieser ganzen Symbolik auf sich?

Der Ursprung des geflügelten Bratens geht auf die Gans zurück, die zum Gedenken an "coat-sharing" Martin, noch vor Beginn der Adventszeit gegessen wurde. Die Adventszeit selbst, glaubt man angesichts der vielen Süßmittel kaum mehr, hatte ursprünglich eher den Charakter einer Fastenzeit. Mit Weihnachten endete diese, und dann kam oftmals wieder Gänsefleisch als Festtagsbraten auf den Tisch.

In der Bibel gibt es gar keine kalendarische Aussage zum Datum von Christi Geburt. Es scheint sogar eher unwahrscheinlich, dass die Römer eine Volkszählung zur Winterszeit durchgeführt haben. Auch dürften die erwähnten Hirten dann eher nicht auf den Feldern übernachtet haben, denn auch vor Ort hat es in dieser Jahreszeit des nachts im Mittel nur um die 10 Grad. Die Geburtstagsfeier von Jesus wurden kirchlicherseits mal auf bereits vorhandene Festtage gelegt. Eine List, die auch auf andere heidnische Feiertage angewendet wurde. Schon lange bevor sich unsere Weihnachtsbräuche etablierten, wurde nämlich gegen Ende Dezember in vielen Ländern und alten heidnischen Religionen – zumindest auf der Nordhalbkugel – das Fest der Wintersonnenwende gefeiert. Das ist der Zeitpunkt, zu dem das Licht allmählich wieder die Oberhand über die dunkle Seite der Macht gewinnt und die Tage wieder länger werden. Passt. Die Heiden feierten vermeintlich Christi Geburt fröhlich mit und der Missionar freute sich.

Weihnachten ist bei uns auf den 25. Dezember datiert. In Anlehnung an das skandinavische Julfest wird vielfach bereits am vorherigen "Heiligen" Abend mit dem Feiern begonnen. Je nach Wohnsitz werden Geschenke am Heiligabend oder am folgenden Weihnachtsmorgen überreicht. In einigen europäischen Ländern sogar schon am 6. Dezember – wie in Belgien und den Niederlanden  – oder eben später, erst im Januar: In Sizilien lädt die Familie in der Adventszeit einmal pro Woche zum Weihnachtspoker, es geht um die Finanzierung der Geschenke. Ausgezahlt werden Alessia und Luigi dann am Dreikönigstag.

Während wir uns heute in unsere Wohnungen zurückziehen, war Weihnachten im Mittelalter eher ein Public Event mit Out-door Charakter und Umzügen in den Straßen. Zu den alten Gewohnheiten gehörte das Von-Haus-zu-Haus-ziehen mehr oder weniger lieblich singender Kinder, die man anschließend mit Gebäck, winterlichem Obst und Nüssen bremste oder entlohnte. Mit dieser Beute wurde dann die heimischen Weihnachtsbäume verschönt und irgendwann gepflückt. Erst als solche Nahrungsmittel ganzjährig in den Geschäften verfügbar waren, wurden Non-food Weihnachtsschmuckfabriken zu Geschäftsmodellen. In Dänemark wird Jule-Schmuck (phonetisch ganz passend) bereits im Juli angeboten, eben wenn sich die meisten Feriengäste in den Läden herumtreiben.

Schon in vorchristlicher Zeit hatte man immergrüne Zweige aufgebaumelt. Auch um böse Geister zu verscheuchen. Irgendwann hat wohl jemand anstelle eines Zweiges versehentlich den ganzen Baum ausgerupft. Der erste Weihnachtsbaum ist aus dem 15. Jahrhundert verbrieft. Den Adventskranz und wohl zugleich den Adventskalender hat dann erst vierhundert Jahre später ein Hamburger erfunden, der elternlose Kinder betreute und von diesen ständig genervt wurde, wann denn nun endlich Weihnachten sei. Er flocht einen Kranz und stellte zwei Dutzend Kerzen drauf. Wenn die 24. Kerze brannte, war – fallera – Heiligabend da. Die vorlaufenden Sonntage wurden durch vier größere Kerzen symbolisiert.

Das Christkind soll eine Idee von Martin Luther sein, der die Heiligenverehrung, konsequenterweise auch die des St. Nikolaus, nicht mochte und sich darum – UPS und Fedex gab es ja noch nicht – eine andere Figur als Überbringer der Geschenke ausdachte. Ohne allerdings zu ahnen, dass sich das Kindl dann ausgerechnet in katholischen Gegenden gegen den Nikolaus behauptete. Hat ein E-Reader-Erfinder daran gedacht, als er zu Weihnachten sein Lesegerät auf den Markt warf? In Nürnberg ist das Christkindl eine junge Frau (!) mit blondgelocktem Haar und einem engelsgleichen Kleid. Es eröffnet im Übrigen auch den "Christkindlesmarkt" des ansonsten traditionell von irischen Auswanderern dominierten Chicago. Völkerverständigung. Später wurde auch St. Nikolaus wieder gesellschaftsfähig. Allerdings denkt man nun bereits am 6. Dezember an diesen Paketboten. Eine Verwechslung mit dem knapp drei Wochen danach aktiven Weihnachtsmann, den die Anglophilen zärtlich "Santa Claus" nennen, ist seitdem vorprogrammiert.

Der Weihnachtsmann ist in seiner heutigen Form aber noch gar nicht so lange dabei. Dem Weihnachtsmann ähnliche Figuren finden sich zwar schon früher in verschiedenen Outfits in Nordeuropa und weiter östlich in der Gestalt von Väterchen Frost. Entgegen landläufiger Meinung sind Nikolaus und Weihnachtsmann aber nicht derselbe. Sankt Nikolaus geht auf einen spendablen Bischof zurück. Während der traditionelle Nikolaus historische Wurzeln in Südosteuropa hat, ist der Weihnachtsmann, wenn man Kritikern folgt, in der heutigen Form schlicht eine Erfindung derjenigen, die am Meisten an dem Verkauf von Geschenken verdienen, eine Werbefigur.

Ach ja, der Punsch. Das ist ein alkoholisches, eher heiß serviertes Mischgetränk, das ursprünglich aus Indien stammt. Englischen Seefahrer brachte man es unter der hindustanischen Bezeichnung "pantsch" nahe, was schlicht fünf heißt, weil das Rezept aus 5 Zutaten besteht. Diese nannten es folglich "Punch" und brachten es im 17. Jahrhundert mit nach Europa. Heute ist Punsch neben Glühwein und dem Jagertee das beliebteste Getränk auf unseren Weihnachtsmärkten. Die skandinavische Variante, Glögg, trinkt man traditionell ebenfalls in der Adventszeit. Süße Heißgetränke haben sich halt durchgesetzt. Oder geht es etwa um den Alkohol?

Mit all diesem unnützen Wissen feiern wir diese Tage das Weihnachtsfest. Mehr oder weniger. Traditionell haben die Kirchen in diesen Tagen so viel Zulauf, wie sonst kaum über das ganze Jahr verteilt. Irgendwie suchen wir wohl doch zum Jahresende eine Zeit der Besinnung. Zugleich vielleicht auch nach einer Zeit, in der Familie, Nächstenliebe, Schenken und Beschenkt-Werden zum gesellschaftsfähigen Hauptanliegen wird.

Alles sehr traditionell also. Agile Methoden versuchen traditionelle Planung aufzubrechen und offen zu sein für Veränderungen.

Hey, warum machen wir das mit der Nächstenliebe eigentlich nicht mal öfter?

Ich wünsche Ihnen jedenfalls ein schönes Weihnachtsfest!

Christian Burdorf 

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